Purgatorio – Canto 6

10 Komm, Unbarmherziger, und sieh die Not deiner Getreun und lindre ihre Leiden, 111 dann kannst du sehn wie Santafior gedeiht. Und komm und schau, wie deine Roma weint; verwitwet, einsam, ruft sie Tag und Nacht: 114 Mein Kaiser, warum schützest du mich nicht? Komm, sieh, wie lieb sich hier die Menschen haben, und wenn kein Mitleid dich bewegen kann, 117 so komm und schäm dich deines Rufs bei uns! – Und wenn's erlaubt ist, höchster Gott, zu fragen, der Du durch uns ans Kreuz geschlagen wurdest: 120 Ruht Dein gerechtes Aug nicht mehr auf uns, oder bereitest Du in Deinem Ratschluß, dem unergründlichen, ein neues Heil 123 das unserem Verstande sich entzieht? – Es wimmelt von Tyrannen in Italien, in jeder Stadt erhebt sich ein Marcellus 126 mit jedem Bauern, der Partei ergreift. O mein Florenz, du freilich kannst dich freun, dich trifft mein rednerischer Ausfall nicht, 129 dank deinem Volk, das sich so sehr bemüht! Im Herzen hegt wohl mancher das Gerechte, doch er besinnt sich erst und schießt zu spät; 132 die Deinen tragen's auf der Zungenspitze. Es scheut wohl mancher eines Amtes Bürde; Die Deinen aber, ehe man sie fragt, 135 ruft eifrig jeder: ich will's auf mich nehmen!

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